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Wirtschaftswoche Nr. 51 vom 10.12.1998
Mit Imbiss und
Rezept
Ahnungslose Topmanager lassen sich im Umgang mit Computern
heimlich auf die Sprünge helfen.
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Schuster freut sich heute, dass "ich
nicht mehr bei jedem Bedienungsproblem entnervt meine
Sekretärin fragen muss". Auch Johannes Kwaschik,
Oberbürgermeister von Schwerin, ist nach Rissbergers
Seminaren zum Computerfreak mutiert. Ausreden, sich vor
lebenslangem Dazulernen zu drücken, gibt es für ihn nicht.
Chefs fänden immer gute Gründe, warum sie sich nicht mit
Computern befassen: "Das macht meine Sekretärin; das tu
ich mir in meinem Alter nicht mehr an; es ging doch bisher
auch ohne", kennt der 50jährige die gängigen
Ausflüchte seiner Amtskollegen. Nicht zuletzt deshalb, so
Kwaschik, "hinken wir in den öffentlichen Verwaltungen
den technischen Möglichkeiten immer noch meilenweit
hinterher".
Die Angst vor dem technologischen Wandel ist
aus Sicht von Computertrainer Rissberger völlig unbegründet.
"Technik macht doch alles viel einfacher."
Gleichnishaft fragt er deshalb sein Auditorium im Rahmen
seiner "Aufrüttelungsvorträge": "Warum kommen
Sie jeden Abend erschöpft von Pferderitten zurück, anstatt
einmal den Führerschein zu machen?" Das dachte sich
offenbar auch Klaus Burckhardt – in seiner Freizeit ein Fan
von motorisierten Pferdestärken. Burckhardt, Werkleiter bei
dem Verpackungsmittelproduzenten Stone Europa Carton, wollte
nicht länger auf einem lahmen Gaul durchs Büro reiten,
sondern den Turbolader anwerfen und endlich "mindestens
den gleichen Kenntnisstand haben wie meine Mitarbeiter". |
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Schweißgebadet schreckte Bernd Schuster aus
dem Schlaf auf: "Schlagartig wurde mir klar, dass die
rasanten Entwicklungen in der Informationstechnologie
gravierenden Einfluss auf Erfolg oder Misserfolg meines
Unternehmens haben würden." Schuster, der als
Vorstandsvorsitzender der Ostseesparkasse Rostock ein
Unternehmen mit rund sechs Milliarden Mark Bilanzsumme und
1000 Mitarbeitern leitet, räumt freimütig ein: "Ich
hatte null Ahnung von Computern." Starr vor Schreck saß
der 46jährige nachts im Bett und fragte sich: "Bin ich
praktisch schon klinisch tot – und habe es bislang nur noch
nicht bemerkt?"
So verunsichert wie Schuster fühlen sich viele
Führungskräfte. Doch die wenigsten gehen mit ihren Ängsten
und Wissensdefiziten so offen um wie der Bankboss. "Ab
einem gewissen Alter und dem Erreichen einer bestimmten Stufe
in der Hierarchie verstecken viele Manager ihre Unsicherheiten
lieber hinter ihrer dienstgradmäßigen Wichtigkeit",
erklärt Alfons Rissberger, Geschäftsführer des
Datenverarbeitungszentrums Mecklenburg-Vorpommern (DVZ) mit
Sitz in Schwerin. Der 50jährige gibt ahnungslosen Topmanagern
Computernachhilfeunterricht und hat damit offenbar eine
Marktlücke entdeckt. Firmenlenker, Bankvorstände,
Staatssekretäre und Ministerialdirigenten – sie alle geben
sich bei Rissberger ein Stelldichein.
Die erste Lektion erteilt der gelernte
Elektrotechniker und Informatiker den
Führungspersönlichkeiten während eines dreistündigen
"Aufrüttelungsvortrags über die Technikfolgen der neuen
Multimediawelt".
Die Ausführungen des wortgewandten
Pragmatikers und Didakten Rissberger scheinen ihre Wirkung
nicht zu verfehlen: "Danach haben die meisten Teilnehmer
eine schlaflose Nacht – so wie Bernd Schuster",
erklärt er die Auswirkungen seiner informationstechnischen
Gehirnwäsche. Rissbergers Mischung aus Lebenshilfe, Demagogie
und fachlich fundiertem Rat scheint bei den Damen und Herren
aus den Führungsetagen einen Nerv zu treffen. Mehr noch:
Seine Anhänger sind ihm für seine Verunsicherungstaktik
sogar dankbar. "Rissberger hat mich mit seiner
hemdsärmeligen Methode aus meinem Dämmerzustand gerissen.
Danach habe ich meine Einstellung zu Computern völlig
geändert", erklärt Sparkassenchef Schuster. Inzwischen
hat er bereits mehrere Seminare bei Rissberger besucht. Zum
Einstieg in die Rechnerwelt belegte er einen achtstündigen
Kompaktkurs – zum Preis von 788,80 Mark für maximal zehn
Teilnehmer "inklusive Imbiss und schriftlichem
Rezept"."Rund zwei Stunden brauchen die meisten
Leute, bis sie mit der Maus rollen und die Windows-Fensterchen
anklicken können", erzählt Rissberger. Am Ende des
Seminartages sind die Teilnehmer in der Lage, "ihren
Rechner als sinnvolles Instrument für das Informations- und
Zeitmanagement zu nutzen", verspricht der
Computertrainer.
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Der 58jährige entschloss sich, Nachhilfestunden zu nehmen.
Ullrich Neumann, freiberuflich als Trainer für das Tübinger
Schulungsunternehmen Integrata Training unterwegs, gab dem
wissbegierigen Schüler 32 Einzelstunden für 3500 Markt pro
Schulungstag.
Inzwischen fragt sich Burckhardt, wie er so
lange ohne Computer ausgekommen ist: "Für die
Entwicklung unserer Geschäftsstrategien ist technisches
Know-how unabdingbar", weiß er heute. Wie Burckhardt
ließ sich auch Keith Spencer, General Manager bei Olympus in
Hamburg, mit Einzelunterricht bei Integrata fit machen (siehe
Seite 100).
Vielen Topmanagern ist diese diskrete
Variante des "Privatunterrichts" lieber als ein
Gruppentraining. Die Gründe liegen auf der Hand: Wolfgang
Winkler, Leiter des Technologietrainings beim Debis Systemhaus
in Leinfelden bei Stuttgart, hat bei zahlreichen
Firmenseminaren, bei denen "der Chef mit im Kurs
saß", schon des öfteren beobachtet, dass sich der Boss
aus der Schulung "in eine dringende Besprechung
herausholen lässt", wenn er dem Unterricht nicht mehr
folgen kann.
Winklers Rat: "Da ist es dann schon
besser, Einzelunterricht zu nehmen, statt sich vor den
Mitarbeitern zu genieren."
Katja Gutowski |