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Alfons Rissberger ist Leiter des Datenverarbeitungszentrums
Mecklenburg-Vorpommern und Chef der bundesweiten IT-Initiative D21
Welt
am Sonntag:
Hat die IT-Branche ihre Krise hinter sich?
Alfons Rissberger: Was wir bisher hatten war nur ein Vorbeben,
das eigentliche Erdbeben folgt noch - und es wird unsere Republik
in ihren Grundfesten erschüttern.
WamS: In welchen Bereichen treffen uns die Hauptveränderungen?
Rissberger: Wir müssen in allen Bereichen umdenken. Wir werden
uns verabschieden müssen von der Illusion, dass Wachstum unsere
Probleme lösen kann. Ein entsprechendes Wachstum sehe ich in den
nächsten zehn Jahren nämlich nicht. Gleichzeitig entstehen durch
IT etwa eine Million zusätzliche Arbeitslose und damit sozialer
Sprengstoff erster Ordnung.
WamS: Also besser bremsen?
Rissberger: Nein, nein. IT muss sein. Auch wenn massenhaft
Arbeitsplätze vernichtet werden, dürfen wir nicht den Fuß vom IT-Gaspedal
nehmen.
WamS: Was also tun?
Rissberger: Wir brauchen neue Wege, neue Ideen, neue Modelle.
Aber auch einen klaren Blick für das, was falsch wäre. Eine Erhöhung
der Wochenarbeitszeit beispielsweise wäre eine einzige Katastrophe.
WamS: Zurück zur IT. Erklären Sie uns die wichtigsten Bereiche.
Rissberger: Es sind drei: E-Commerce, E-Government und E-Learning
WamS: E-Commerce, also den Handel über das Internet, kennen
dank Amazon, Otto oder Ebay viele, doch was bitte bringt uns E-Learning?
Rissberger: Wenn wir den Mut hätten, eine Milliarde Euro
in das E-Learning, in höchstwertige Lernsoftware zu investieren,
um das Grundstudium an Universitäten radikal zu verändern, würden
wir Elitebildung in jeder Studentenbude ermöglichen. Jeder Student
würde von den Besten der Besten unterrichtet, zu beliebiger Zeit,
an beliebigem Ort und mit frei wählbarer Unterrichtsmethode.
WamS: Scheint unrealistisch...
Rissberger: Ist es aber nicht. Gelänge es dadurch, nur sechs
Prozent der Professoren einzusparen, hätten wir pro Jahr eine Einsparung
von einer Milliarde. Also schon nach einem Jahr wäre das erforderliche
Kapital zurückgewonnen.
WamS: Klingt ja toll! Und was verbirgt sich hinter E-Government?
Rissberger: Ausübung staatlicher Verwaltung ohne klassische
Papiere. Heute wäre es bereits möglich zwischen Brüssel, Berlin
oder Schwerin elektronische Dokumente einzusetzen. Geistige Routinearbeit
würde dann von Software erledigt - mit enormem Sparpotenzial und
riesiger Effizienzsteigerung. Hinzu kommt, dass der Bürger dann
nicht mehr auf das Amt müsste, sondern per elektronischer Unterschrift,
der so genannten E-Card, Anträge rechtswirksam stellen könnte und
vielleicht innerhalb von Stunden statt nach Wochen Bescheide erhalten
könnte.
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WamS: Haben die Kommunen und Länder das Geld für diese
Ausrüstung?
Rissberger: Auch hier lohnt sich das Investment rasch. In
Hamburg erklärte kürzlich das Vorstandsmitglied eines großen deutschen
Unternehmens, dass er durch die Einführung von SAP ein Drittel seiner
Verwaltungskosten eingespart hat. Damit ist ihre Frage beantwortet:
IT bringt mehr als es kostet, allerdings - wie schon gesagt - zu
Lasten der Arbeitsplätze.
WamS: Bekommen wir damit nicht den gläsernen Bürger?
Rissberger: Das Sicherheitsdenken muss neu überdacht werden.
Im Zeitalter internationalen Terrors müssen wir mit mehr Kontrolle
leben. Schutz- und Sicherheitsdenken aus der Alten Welt passen heute
nicht mehr. Gleichzeitig gibt es sensible Bereiche, wie medizinische
Daten, die auf öffentlich zugänglichen Servern natürlich nichts
zu suchen haben. Andererseits gibt es auch viele unnötige Geheimnisse.
WamS: Welche zum Beispiel?
Rissberger: Gehälter. Warum soll man nicht wissen, was jeder
verdient, und diskutieren, ob seine Leistung seinem Gehalt entspricht.
WamS: Dann gehen Sie doch mit gutem Beispiel voran, was verdienen
Sie denn?
Rissberger: Kein Problem. Ich bekomme vielleicht 200 000
Euro jährlich, und das ist etwa die Hälfte dessen, was für eine
vergleichbare Arbeit normal ist. Aber im Ernst: Es gibt heute Datenschutzbereiche,
über die man längst diskutieren müsste. Ich denke, der Datenschutz
geht eindeutig viel zu weit und steht einer modernen offenen Welt
im Weg.
WamS: Gibt es sonst noch Probleme in Deutschland? Können
wir international mithalten?
Rissberger: Wir haben im Grunde gute Rahmenbedingungen. Jetzt
gilt es, die Massendurchdringung mit Computern auch in Haushalten
zu forcieren. Die erwähnte E-Card ist ein gutes Beispiel: Jetzt
muss entschieden werden, wo man die elektronische Unterschrift einsetzt.
Konkret: Die Gesundheitskarte wäre dafür ein idealer Träger.
WamS: Klingt gut, aber die Gesundheitskarte wurde vor acht
Jahren erfunden und es gibt sie bis heute nicht. Woran hängt es?
Rissberger: Wie so oft in Deutschland, liegt die Wurzel des
Übels im gleichen Problem. Wir müssen endlich lernen, schnell zu
entscheiden, nicht zu vertagen. Nicht endlos zu diskutieren, sondern
zu handeln. Auch auf die Gefahr hin, Fehler zu machen.
WamS: Oje, das Mautdesaster spricht eine andere Sprache...
Rissberger: Na ja, da wird viel Falsches geschrieben. Wenn
man den Mut hat, den ich übrigens für falsch halte, ein System entwickeln
zu wollen, das erstens nach der Weltführerschaft strebt, das zweitens
noch niemand auf der Welt vorher getestet hat, und das drittens
unmittelbar in die Praxis gehen soll, dann muss man akzeptieren,
dass das schief gehen kann. Und es ist eben schief gegangen. Das
aber lag eher an der Projektleitung als am Projekt. Denn die Idee,
die dahinter steht, ist eigentlich phänomenal gut.
WamS: Warum bleiben Sie dann in Schwerin? Übernehmen Sie
doch lieber Toll-Collect und verhelfen uns zu einem funktionierenden
Mautsystem...
Rissberger: Ich weiß nicht, ob es meine spezielle Fähigkeit
ist, diesen Karren, der tief im Schlamm steckt, dort wieder herauszuziehen.
Es wäre eine reizvolle Aufgabe, wenn sie entsprechend dotiert ist,
und wenn man dem Projektleiter die erforderlichen Freiräume gewähren
würde. Aber um es klar zu sagen: Niemand ist an mich herangetreten,
ob ich diese Aufgabe übernehmen will. Außerdem fühle ich mich in
Schwerin und in der Firma, für die ich arbeite, so wohl, dass ich
über Alternativen nicht nachdenke.
Das Gespräch führte
Wolfgang Ehemann
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