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DER SPIEGEL 48/1994
"Moderne Analphabeten"
Bildungsexperte Alfons Rissberger über
Computer im Unterricht
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SPIEGEL: Oft fehlt den Schulen das
Geld, um die teuren Computer zu kaufen.
Rissberger: Die Finanzminister sollen
da Prioritäten setzen. Das wichtigste Fundament von
Wirtschaft und Wissenschaft ist das Humankapital. Unsere
Kinder müssen gut auf die Zukunft vorbereitet werden. In den
USA gibt es bereits Hochschulen, die künftig nur noch
Studenten zulassen, die über ein leistungsfähiges Notebook
verfügen. Und das Gerät muß mit dem Netz der Universität
kompatibel sein.
SPIEGEL:
Was wollen Sie aber mit den Kindern anfangen, die sich von der
ganzen Technik überfordert fühlen? Nicht alle Jungen und
Mädchen sind mit dem Computer vertraut.
Rissberger: Schwierigkeiten haben
meist nur die Erwachsenen, die Kinder wissen genau. wann es
ihnen zuviel wird. Meine Tochter Lisa hat bereits vor der
Grundschule entweder mit einem Farbstift auf Papier gemalt,
mit Kreide auf die Straße oder am Computer des Vaters eine
Einladung zum Geburtstag gestaltet - aber meistens hat sie
lieber draußen rumgetollt.
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SPIEGEL:
Herr Rissberger, Sie behaupten, die Schulen verschlafen das
Computerzeitalter. Doch es gibt für fast alle Schüler
Unterrichtseinheiten, in denen sie lernen, mit dem Computer
umzugehen.
Rissberger: Es geht nicht darum, die
Tasten bedienen zu können. Es geht um eine neue Qualität von
Wissensvermittlung, um völlig neue Formen des Unterrichts.
Computer können viel anschaulicher komplizierte Sachverhalte
darstellen. Wenn es beispielsweise darum geht, den Zerfall
einer chemischen Verbindung zu erklären oder das Innere eines
Vulkans plastisch zu machen, ist mit spezieller Software ein
kindgerechteres, leichteres und effektiveres Lernen möglich.
SPIEGEL: Wie soll das funktionieren?
Rissberger: Der Computer kann mit den
Erfahrungen und Methoden der besten Pädagogen ausgestattet
werden, er paßt sich automatisch dem Lerntempo und der
Leistungsfähigkeit jedes Kindes an, die Schüler können zu
Hause lernen oder im Klassenzimmer, wann und wo sie wollen.
Mit den neuen Programmen können alle Sinne aktiviert werden,
über Schrift, Bild, Ton und Film.
SPIEGEL: Aber die Kinder starren den
ganzen Tag stumm auf den Bildschirm.
Rissberger: Das tun die nicht, keine
Sorge. Die Praxis zeigt. daß Schüler miteinander reden. sich
helfen, sehr aktiv sind, während sie vor dem Rechner sitzen.
Außerdem wissen wir durch langjährige Pilotprojekte, daß
Mädchen und Jungen mit dem Computer mehr Spaß beim Lernen
haben.
SPIEGEL: Soll der Computer den Lehrer
ersetzen?
Rissberger: Auf keinen Fall, das
Gerät wird immer nur ein zusätzliches Werkzeug im Unterricht
sein, aber ein äußerst nützliches. Der Lehrer wird weit
weniger sein Wissen vermitteln müssen oder etwa sagen, was
richtig ist und was falsch. Vielmehr sind seine Qualitäten
als Erzieher und Berater der Kinder gefragt.
SPIEGEL: Viele Lehrer lehnen den
Computer ab.
Rissberger: Nur weil sie keine
Erfahrungen damit haben. Vor über 2000 Jahren war Platon
gegen die Einführung der Schrift in der Bildung; er war der
Überzeugung, wer mitschreibt, der kann nicht mehr
konzentriert zuhören. Vor wenigen Jahren bekämpften viele
Pädagogen noch den Taschenrechner, obwohl er unter den
Schülern längst verbreitet war. In den Schultaschen von
morgen werden tragbare Computer ganz selbstverständlich Hefte
und Bücher ergänzen und teilweise ersetzen.
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Der Computer behindert das Denken nicht, er
fördert es. Tatsache ist, daß Lehrer, die an Pilotprojekten
beteiligt, am Ende nicht mehr auf den Rechner verzichten
wollten.
SPIEGEL: Trotzdem bleibt es nur bei
einzelnen Versuchen. In den USA, Kanada oder Japan gehören
Computer in den Klassenzimmern teilweise schon zum Alltag.
Rissberger: Da sind wir am
entscheidenden Punkt. Viele Kultusminister, überhaupt die
meisten Bildungspolitiker, sind moderne Analphabeten. Die
lassen ihre Mitarbeiter am Computer arbeiten. Sie selbst
können mit den Geräten kaum umgehen. Für die Zukunft wäre
das etwa so, als könnte der Chef einer Fahrschule nicht Auto
fahren. Die verantwortlichen Politiker müssen jetzt handeln,
sie müssen die Schüler mit Computern und Lern-Software
ausstatten. flächendeckend. Sonst verpassen wir international
den Anschluß. Zu Hause sind viele Kids ohnehin mit modernsten
Geräten versorgt.
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Mehr Computer für die Schulen
fordert Alfons Rissberger, einer der
Initiatoren eines Memorandums mit dem Titel "Aktiver
Lernen: Multimedia für eine bessere Bildung". In der
Denkschrift, die diese Woche veröffentlicht wird, warnt der
Pädagoge und Diplomingenieur vor der Gefahr, daß "die
Schulen das Computer-Zeitalter verschlafen". Rissberger,
46, ist Geschäftsführer des Datenverarbeitungszentrums
Mecklenburg-Vorpommern. Zuvor leitete er acht Jahre lang
das Referat "Neue Informations- und
Kommunikationstechniken" im Mainzer Kultusministerium. Zu
den Unterzeichnern der Denkschrift gehören Vertreter von
Kultusbehörden, Hochschulen, Hard- und Softwarefirmen sowie
der Vorsitzende des Bundeselternrats.
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