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Alfons Rissberger scheint einen Augenblick der Wirklichkeit
entrückt. Das Handy am Ohr, gedankenversunken in Raum und Zeit.
"Der Glotz will nicht nach Schwerin", entfährt es
ihm nach einer kurzen Ewigkeit. Peter Glotz, honoriger Gründungsrektor
der Universität Erfurt und heute Honorarprofessor an der renommierten
Alma mater im schweizerischen St. Gallen, habe keine Lust auf die
alte mecklenburgische Residenzstadt, übermittelt das Büro
in St. Gallen dem Geschäftsführer der DVZ Datenverarbeitungszentrum
Mecklenburg-Vorpommern GmbH unverblümt. Rissberger lässt
das Handy sinken. "Sowas ärgert mich."
Rissberger mag es hochkarätig. Er weiß, spektakuläre
Ideen, unbequeme Wahrheiten, beängstigende Zukunftsszenarien
sind nicht marktschreierisch an den Mann zu bringen. Namhafte Matadoren
aus Politik, Wirtschaft und Kultur eignen sich in Rissbergers Regie
gerade gut genug, um zu verkünden, was die Welt verändert
- die IT-Revolution.
Hinter der kleinen Kunststoffbrille ist das unablässige Flackern
in Rissbergers wache Augen zurück gekehrt. Kanzler Gerhard
Schröder und der Ex-IBM-Chef in Deutschland, Erwin Staudt,
zählt er auf, sind seinem Ruf nach Schwerin bereits gefolgt.
Referenzen, die der DVZ-Chef auf Taste hat. Reflexartig spult er
sie in Gesprächen und Vorträgen ab.
Dass mancher Zuhörer zum x-ten Mal damit konfrontiert wird,
hat Rissberger weggeklickt. Er ist beseelt davon, den gravierenden
Wandel in der Informationsgesellschaft an die Wand zu projizieren.
Missionarischer Eifer treibt den 55-Jährigen. "Rissberger
brennt für seine Sache und zündet andere an", bestätigt
Erwin Staudt, heute Präsident des Fußballclubs VfB Stuttgart.
"Er kann Leute unglaublich begeistern und mitreißen."
Wenn er zum Beispiel von der Rasanz der IT-Entwicklung schwärmt.
Jedes Jahr veraltet die Hälfte des Wissens in diesem Bereich.
Man stelle sich das nur mal vor. Rissberger rasselt es runter, als
wolle er dieses Tempo noch toppen. Fährt ihm das Wort Revolution
über die Lippen, lässt er kalkuliert den Schauer des Bedrohlichen
mitschwingen. Allein in Deutschland werde in den nächsten Jahren
eine weitere Million Jobs wegfallen, weil geistige Routinearbeit
durch IT-Technologien rationalisiert wird, ist Rissbergers Kernbotschaft.
Ein "irrsinniger Druck" baue sich in den Industriestaaten
auf. Das enorme Beschäftigungsproblem werde aber nicht mehr
mit konventionellen Mitteln zu lösen sein.
An solchen Punkten in seinen Gedankengängen lehnt sich Rissberger
gern zurück, verschränkt die Arme, blickt sein Gegenüber
bohrend an. Um diesem dann doch zuvor zu kommen: "Fehler der
Vergangenheit wurden in Deutschland stets mit mehr Wachstum kompensiert.
Diese Zeit ist definitiv vorbei." Der Schweriner IT-Experte
sagt es in ungeschminktem Pfälzer Dialekt.
Ein Szenario, das Rissberger schon 1978 skizziert, als Personalcomputer
noch in den Kinderschuhen stecken. Der Elektroingenieur und Pädagoge
doziert in seiner Heimatstadt Worms an verschiedenen Bildungsstätten
unter anderem im jungen Fach Informatik, leitet erste Computer-
und Multimedia-Projekte. Auf einer Gewerkschaftsveranstaltung "vor
1000 Leuten" streitet er mit dem späteren EU-Kommissar
Martin Bangemann über Perspektiven der modernen Kommunikation.
"Der Bangemann sah Millionen neue Arbeitsplätze, ich hielt
dagegen, IT wird zum Jobkiller." Das ist unpopulär, Rissberger
aber gibt nicht klein bei.
Mitte der 80er Jahre wird in Rheinland-Pfalz bundesweit
der erste Modellversuch für computergestütztes Lernen
an Grundschulen gestartet. Rissberger führt die Feder. Er wird
angefeindet, beispielsweise von der Lehrergewerkschaft GEW. Was
Rissberger mache "sei unanständig, die Grundschüler
müssten vor neuen Technologien geschützt werden",
erinnert sich der Wahlschweriner nur zu gut an diverse verbale Tiefschläge.
Und zu gern. Für ihn sind es Ritterschläge.
Damals hat Rissberger, Vater von zwei erwachsenen Kindern aus erster
Ehe, begriffen, "Verhaltensänderung funktioniert nur über
Emotionalisierung, nicht durch Fakten". Darauf versteht sich
der vielbeschäftigte Referent mit den Jahren hervorragend.
In atemberaubendem Tempo, ausgefeilter Dramaturgie und mit beeindruckenden
Praxisbeispielen fesselt er seine Zuhörer. Unternehmer und
Politiker. Die sind empfänglich für zugespitzte Thesen.
Informationstechnologien setzt Rissberger neben Krieg und Katastrophen
auf die Agenda der wichtigsten globalen Zeitthemen. IT verändere
alles. Das sitzt. Er weiß es.
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Rissberger, seit 1993 Geschäftsführer
des DVZ, reitet jedoch auf schmalem Grat. Die Geschwindigkeit, die
Klarheit und die Schärfe seiner Argumente schürten unterm
Strich Ängste, so seine Ehefrau Sabine Rissberger. Und Erwin
Staudt erkennt in der "hyperkreativen Art" des Weggefährten
gar überzogene Eile, denn "die Dinge müssen ja erstmal
umgesetzt werden".
Doch Rissberger kann längst nicht mehr anders. Er ist gefangen
im Sog der IT-Entwicklung. "Die Intelligenz liegt heute im
weltweiten Netz, nicht mehr auf der Festplatte." Viele Vorlesungen
an Hochschulen hält er für "finsteres Mittelalter".
Das Know-how der Besten in aller Welt bekomme man heutzutage per
Mouseklick. Eine virtuelle Universität in Schwerin, die sollte
seine persönliche Baustelle werden. Das Projekt scheitert vorerst
an der Finanzierung.
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Ohne Groll sagt Rissberger aber auch, er sei zufrieden
mit dem, was das Land im IT-Bereich mache. Seit 1998 dreht er kräftig
mit an der Kurbel als Vorsitzender des Multimedia-Beirates von Mecklenburg-Vorpommern.
Im gleichen Jahr hebt er mit Gleichgesinnten aus Lehre, Politik
und Großunternehmen wie Siemens, Microsoft und IBM die deutschlandweite
Initiative D21 aus der Taufe. Ein gesellschaftliches Forum, das
die Gesellschaft für Informationstechnologien sensibilisieren
will. Das nötigt auch dem Ministerpräsidenten von M-V,
Harald Ringstorff (SPD), Respekt ab: "Alfons Rissberger hat
Visionen und tritt für sie ein. Ohne seine Begeisterung, seine
Ideen und seinen Druck wäre Mecklenburg-Vorpommern im IT-Bereich
sicherlich noch nicht so weit, wie es heute ist."
Rissberger ist es wichtig, etwas zu bewegen. Das sei mehr wert als
Geld. Anerkennung und Lob saugt der gebürtige Wormser begierig
auf. "Darauf bin ich angewiesen." Entwaffnend offen gibt
er sich in solchen Momenten. Man nimmt es ihm ab, wenn er sagt:
"Im DVZ bin ich der Erste unter Gleichen, nicht der General."
Das Schweriner Datenverarbeitungszentrum hat 250 Mitarbeiter. Der
Chef hält große Stücke auf sie. "Ohne die Leute
in der Firma wäre ich weniger wert."
Lust an der Weltveränderung schließt Leben nach dem Lustprinzip,
wie es Rissberger nennt, nicht aus. Traumhafte Orte in fernen Ländern,
interessante Menschen, gutes Essen. Der viel reisende Rissberger
genießt die Stunden mit seiner Frau Sabine und dem Hauskater,
der auf den spanischen Namen "Mirador" hört. Beide
sind dem Don Quichotte der Bits und Bytes sein wichtigster Kraftquell.
Alfons Rissberger lebt seine Vision.
Zu seinem Handheld, eine Art von Mini-Computer, besitzt er eine
beinahe physische Beziehung. "Mein Vergesslichkeits-Eliminator."
Unversehens greift er nach dem Gerät, tippt gedankliche Bruchstücke
ein - Ideen, Impulse, Fragen, Termine. Über das taschenrechnergroße
Ding surft er im Internet, ruft E-Mails vom Bürocomputer ab,
erteilt seiner Sekretärin Aufträge. Rissberger online.
Er ist der Wirklichkeit nicht entrückt. Er ist ihr voraus.
THOMAS SCHWANDT
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